Lindau, Peterskirche

Die eiserne Scherengittertür vor dem alten Holz ist nach rechts geschoben. Eine geschmiedete Klinke öffnet auf leichten Druck die Kirchenpforte, mattes Halbdunkel umhüllt den eintretenden Menschen.
Ein einziger Raum empfängt den Besuch, schlicht und kahl. Das Kirchenschiff liegt quer zum Betrachter. Zur rechten, zum Altar hin, wird bald – auf einen niedrigen Sockel hingestreckt und aus Stein gehauen – ein überlebensgroßer Soldat in der Uniform des Ersten Weltkrieges erkennbar. An zweieinhalb Wänden lehnen braune Holztafeln mit Namen der Gefallenen. Die Kirche sei, so stand draußen geschrieben, eine Erinnerungsstätte.

Wie jung diese Toten sind! Romanische Fenster lassen spärliches Oberlicht herein. Die Bruchsteinmauern sind dick, der Altarraum halbrund an das Kirchenschiff angefügt. Der Fußboden ist bedeckt mit kleinen Ziegelquadraten, unregelmäßig, unglasiert. Oben, der Fensterseite abgewandt, erscheint wie ein Balkon der ehemalige Verbindungsgang zum einst benachbarten Nonnenkloster. Diese Nonnen, so die Überlieferung, hätten unter anderem die Aufgabe gehabt, Gefolterte im nahen Diebsturm zu pflegen, damit sie gesund, erfrischt und erneut der peinlichen Befragung unterzogen werden konnten.

Um das Jahr tausend, so weiß man, wurde der Grundstein gelegt. Tausend Jahre! In dem schmucklosen Dämmerraum scheint die Zeit stillzustehen. Schwach nur schimmern die alten Malereien an der halben, von den Kriegstotentafeln nicht beanspruchten Wand und über dem Altar bis zur Decke. Hätte die Nachwelt sie nicht Hans Holbein dem Älteren zugeordnet, wären sie irgendwann zerfallen. Sie sind halb so alt wie das Gebäude.

Die Zeit! So eine lange Zeit. Generationen kommen und gehen, Getreide und Früchte wachsen, werden geerntet, Tiere werden geboren, geschlachtet und gegessen. Eine Siedlung wird gebaut, befestigt, mit Rechten ausgestattet und benannt. Die Stadt wird reich durch Handel, Menschen arbeiten und schuften, andere leben, genießen und lassen ihre Macht spielen. Es gibt Gefangene im Diebsturm, es gibt Feldzüge, Krieger, Opfer, Gefolterte, Tote. Keiner kennt sie mehr, niemand nennt die Namen. Alle kamen sie, zu festgesetzter Zeit, um in dieser Kirche zu singen, zu hören und zu beten. Knapp unterm Dach sieht man, hochgotisch, den nackten Oberkörper eines jungen Mannes mit rotem Haar und Bart. Es ist Jesus, den sie anbeteten. Ein Palmzweig rankt aus seinem rechten Ohr, ein Richtschwert zeigt auf das linke.

Wie viele inbrünstige Gebete hat dieser Raum erlebt! Unzählige – Glückliche, Verzweifelte, Hoffende, Trostbedürftige – sind hier ein- und ausgegangen. Religion ist der Versuch einer Antwort auf unlösbare Fragen. Wie viele Seufzer, wie viel Trauer, wie viele Klagen haben diese Wände aufgesogen. Haben sie auch Freude, Dankbarkeit, Demut und Vertrauen aufnehmen können? Die alten dicken Wände schweigen. Sie stehen hier unverrückt seit langer Zeit.

Der Ort ist einer der höchstgelegenen, ein Zentrum. Man spürt die Mitte, die Ruhe. Ich stelle mich auf den Punkt der Längsachse, der der seitlichen Eingangstür am nächsten liegt. Welche Proportionen! Dies ist ein menschliches Maß. Hier wird man nicht von der schlanken Gotik zum Himmel gerissen und bleibt doch klein und vergänglich zurück, hier verkörpert man ein kleines lebendes Zentrum in einem gedrungenen Raum voller in Stein geronnener geometrischer Bezüge. Rechteck des Kirchenschiffs und Rundung der Fensterbögen und der Apsis heben Gegensätze auf. Erinnerungen an den Himmelstempel in Peking tropfen in mein Gedächtnis: der Winkel gehört der Erde, der Kreis dem Universum. Hinter dem Altar, in menschlicher Höhe, befindet sich ein einzelnes Fenster. Auch dieses geht von zwei rechten Winkeln langsam und unmerklich in den romanischen Bogen über. Ich blicke auf graue, neue kleine Milchglasscheiben. Wie hässlich! Wie rein funktional! Ich träume eines der alten bunten Glasfenster hinein, die das Licht so angenehm mild und farbig nur einließen. Noch nicht einmal bei der Form gab man sich Mühe. Monotone Rhomben zeigen, daß Stabilität der erste Gedanke der Fensterbauer gewesen sein muss. Dieses Fenster trennt das zwanzigste Jahrhundert draußen vom vergangenen Heiligen im Inneren, zu dem uns heute die Selbstverständlichkeit fehlt. Die Nische ist so klein. Das Glas ist so dünn.

Ich versuche, durch das Fenster hindurchzusehen, als sei es gar nicht da. Erinnere mich an den Platz, an die jüngeren Häuser drumrum und an die bepflanzte Verkehrsinsel mit Bänken. So weit und fern liegen diese Dinge! Die Kirche umhüllt mich mit ihrem Hier, entführt mich in andere Zeiten. Hier Blumen neben und auf dem Altar, Wandschmuck, Gemälde, Kerzen, Kleiderrascheln. Hier kniende, betende, singende Menschen. Hier Weihrauchduft, Andacht, Glauben, jahrhundertlang, aber nicht ständig. Hier Schritte, Rufe, Träger. Getreidesäcke stapeln sich an der Wand, Pferde werden untergestellt. Hier Menschen, die schauen, prüfen, diskutieren. Hier der Restaurator mit feinem Werkzeug, millimeterweise schabend und tupfend. Hier. Von hier bis zu diesem Fenster reicht das endliche Leben. Der Weltkriegs-Soldat liegt dazwischen, als ob er nicht dazugehöre.

Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Die Wände begrenzen mich. Meine Füße wurzeln in uraltem Boden. Raum. Von Menschenhand abgegrenzter endlicher Raum, tausend Jahre unverändert ummauert. Meine heutigen Gedanken purzeln wie ein weiteres Sandkörnchen auf eine unfassbare Düne und beleben ihn. Als ich mich zur Tür wende und meinen Platz verlasse, weiß ich, dass ich wiederkomme.

© Eva Mahler